Schlagwörter

, , ,


Immer weniger Zeit, immer höhere Anforderungen, immer mehr Stress und psychosomatische Störungen, die auf Stress zurückzuführen sind. Ein Riesenproblem heutzutage. Fragen danach, ob es tatsächlich so ist, was es genau heißt und was wir dagegen unternehmen könnten, sollen nicht Thema dieses Artikels sein. Vielmehr geht es hier um den individuell empfundenen Zeitdruck, der durch die Denkart „schneller, höher, weiter“ stetig steigt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zeitdruck und Wohlstand?

Hatten Menschen in der Vergangenheit denn mehr Zeit? Einige von ihnen bestimmt, aber die Arbeitsbedingungen – inklusive der damit verbundenen Arbeitszeit – war vor 100 Jahren in Deutschland nicht besser als heute. Woher kommt also dieses Gefühl, dass wir immer weniger Zeit haben, obwohl wir nicht mehr so lange arbeiten müssen und die Arbeitsbedingungen sich zudem deutlich verbessert haben? Eine spannende Frage.

Sanford DeVoe (University of Toronto) und Jeffrey Pfeffer (Stanford University) sind in fünf Studien einer interessanten Hypthese nachgegangen: Zeitwert erhöht Zeitdruck!

Die Überlegung sieht konkret so aus, dass angenommen wird, dass die Menschen mehr Zeitdruck empfinden, weil die (Arbeits-)Zeit immer wertvoller wird. Da das, was wertvoll ist auch als rar empfunden wird, entsteht der Zeitdruck. Brechen wir das monatliche Einkommen also auf eine Arbeitstunde herunter und überlegen wir dann, was wir für dieses Geld alles bekommen, dann ist diese eine Stunde mehr wert, als vor 100 Jahren. Soweit also die Grundüberlegung, die in den genannten fünf Studien untersucht wurde.

Studie 1 – 6.846 australische Personen
In der ersten Studie ging es um die Frage, ob das Einkommen den wahrgenommenen Zeitdruck bestimmt, wenn alle anderen Einflussgrößen unverändert bleiben.

Studie 2 – fiktive Personalentscheidungen
In der zweiten Studie mussten die Probanden fiktive Personalentscheidungen treffen und dabei mit einem hohem oder einem niedrigem Studensatz bezahlt (ihre Zeit war also entweder wenig oder viel wert).

Studien 3 & 4 – Einschätzung des persönlichen Zeitdrucks
In der dritten und vierten Studie wurde den Probanden zunächst das Gefühl gegeben reich oder arm zu sein. Sie musste dafür eine Einkommensskala ausfüllen, die entweder bis zu einer Obergrenze von 500$ oder bis 400.000$ ging. Je nachdem mit welchen der beiden Skalen man konfrontiert wird, fühlt man sich eher reich bzw. eher arm. Danach mussten die Probanden ihren eigenen Zeitdruck bewerten.

Studie 5 – Kalkulation des eigenen Stundensatzes
Hierbei wurde der Wert der eigenen Zeit mathematisch berechnet, und anschließend wurden die Teilnehmer dann wieder nach ihrem persönlichen Zeitdruck befragt.

Ergebnisse
Die Ergebnisse aller fünf Studien zeigen: je größer der ökonomische Wert der eigenen Zeit ist, desto mehr Zeitdruck wurde wahrgenommen. Teilnehmer, die sich als verhältnismäßig wohlhabend einschätzten waren gestresst und ungeduldig.

Erzeugt Wohlstand Zeitdruck?
Wenn diese Studienergebnisse kausal interpretiert würden (womit man sehr vorsichtig sein sollte), würde dies bedeuten, dass Wohlstand Zeitdruck erzeugt oder zumindest erzeugen kann.

P.S.: Wer näheres nachlesen möchte: Die Studie ist im Journal of Applied Psychology erschienen.

Advertisements