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Emotionen, Teil 2. Solltest Du den ersten Teil dieses zweiteiligen Artikels verpasst haben, Du findest ihn hier.

Nachdem also klar ist, was Emotionen sind und wodurch sie sich von Stimmungen unterscheiden, möchte ich heute einige Emotionstheorien vorstellen und dabei zunächst einmal über 100 Jahre in die Vergangenheit reisen.

I. Die James-Lange-Theorie

Wir schreiben also das Jahr 1884. In diesem Jahr stellte William James, ein bedeutsamer, amerikanischer Psychologe eine Theorie auf, die heute als James-Lange-Theorie bekannt ist. Zur gleichen Zeit, nämlich 1885 entwickelte der dänische Psychologe Carl Lange eine sehr ähnliche Ideen – daher auch der Name der Theorie.

Weine ich, weil ich traurig bin oder bin ich traurig, weil ich weine? Mit dieser Frage kann man die Theorie der beiden Psychologen gut verständlich machen. Während wir im Allgemeinen davon ausgehen, dass zuerst ein Reiz kommt, wir dann körperlich reagieren und zum Schluss die Emotion verspüren, gingen James und Lange davon aus, dass unmittelbar nach dem Reiz zuerst die körperliche Reaktion (viszeral, hormonell und motorisch) kommen und dadurch dann Emotionen ausgelöst werden. Die zwei würden also sagen, dass wir deshalb traurig sind, weil wir weinen.

Natürlich blieb diese Theorie nicht unkritisiert und der bekannteste Kritiker war Walter Cannon. Auf die konkreten Kritikpunkte hier einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikel sprengen, aber insbesondere einen Kritikpunkt möchte ich skizzieren: Die Injektion von Adrenalin ruft zwar einige körperliche Reaktionen hervorrufen, aber keine Emotionen…

Wenn ich aber traurig bin, weil ich weine, werde ich dann fröhlich, weil ich lächle? Hierzu gibt es einen interessanten Artikel auf süddeutsche.de, den Du hier findest.

II. Die Zwei-Faktoren-Theorie

Bewegen wir uns jetzt aber wieder in Richtung Gegenwart und halten kurz im Jahr 1964 an. Auf dieses Jahr und den US-amerikanischen Sozialpsychologen Stanley Schachter geht die sogenannte Zwei-Faktoren-Theorie (nach Schachter und Singer) zurück. Auch bei dieser Theorie geht man davon aus, dass physiologische Veränderungen Emotionen auslösen. Allerdings im Zusammenspiel mit einem weitern wichtigen Faktor: Der Einschätzung der Situation. Also ist man traurig, weil man weint UND einen Grund hat traurig zu sein. Es sind also zwei Faktoren, die die Emotion auslösen. Demnach entsteht die Emotion aus der Wahrnehmung einer physiologischen Veränderung, die einer Ursache zugeschrieben und entsprechend interpretiert wird. Die damit verbundenen Forschungsergebnisse aus den 1960er Jahren sind allerdings eher durchwachsen, und auch die Replikation der Versuche sind oft gescheitert.

III. Appraisaltheorien, Bewertungstheorien

Bei dieser Theorie, die in den späten 1960er Jahren entstand, geht man davon aus, dass nicht der Reiz selber die Emotion auslöst, sondern die Bewertung des Reizes. Wenn Du also wieder einen abendlichen Spaziergang unternimmst und visuell von einem Bären „gereizt“ wirst, dann führt dieser Reiz zu unterschiedlichen Emotionen – je nachdem, wie Du diesen Reiz bewertest: Es ist nur ein ausgestopfter Bär, der vor einer Eingangstür geparkt wurde oder es ist ein echter Bär, der aus dem Zoo geflüchtet sein muß.

Die meisten Appraisaltheorien sind mehrstufig, und man kann sich das so vorstellen:

  • Ein Reiz entsteht
  • Dieser Reiz wird danach beurteilt, ob er positiv, negativ oder irrelevant für einen ist
  • Wenn negativ: Einschätzung der eigenen Bewältigungskapazität
  • Schließlich wird das Ereignis in Hinblick auf den Selbstwert beurteilt

Es ist Nacht und Du hörst ein Geräusch (Stufe 1). Wenn Du Dich nicht bedroht fühlst, schläfst Du vermutlich direkt wieder ein (Stufe 2). Wenn das Geräusch sich aber anhört, als hätte jemand eine Scheibe eingeschlagen, wirst Du darüber nachdenken, was Du jetzt tun kannst (Stufe 3). Wenn Du ein gut ausgebildeter Kampfsportler bist, der bei der Polizei in einem Elite-Sonderkommando arbeitet, wirst Du relativ entspannt dem Geräusch nachgehen und dabei andere Emotionen entwickeln, als jemand, der vom Kampfsport nichts versteht und panisch das Telefon sucht, weil er die Polizei anrufen möchte (Stufe 4)…

IV. Attributionale Theorie

Wenn man die Bewertungstheorie noch einen Schritt weiter denkt, dann stellt sich die Frage, wie das mit der Bewertung genau funktioniert.

Die attributionale Theorie von Bernard Weiner (Foto) gibt hier Antworten. Ein Ereignis wird in seiner Theorie in drei Dimensionen beurteilt:

  1. Lokation
    Liegt die Ursache des Ereignisses in der eigenen Person (intern) oder in der Umwelt, bzw. in anderen Personel (extern)
  2. Stabilität
    Wie veränderlich oder stabil ist die Ursache für das bewertete Ergebnis?
  3. Kontrollierbarkeit
    Wie stark unterliegt die Ursache der eigenen Kontrolle?

Um die attributionale Theorie, die mir persönlich sehr gut gefällt, etwas zu verdeutlichen, folgendes Beispiel: Jemand bekommt eine Abmahnung von seinem Arbeitgeber. In dieser Situation sind verschiedene Emotionen denkbar, die durch diese Abmahnung hervorgerufen werden könnten: Wut, Verzweiflung, Arbeitseifer; vielleicht aber auch gar keine Emotion. Schauen wir uns verschiedene Bewertungsmöglichkeiten an, die der eigentlichen Emotion zugrunde liegen könnte:

Mein Vorgesetzter mag mich nicht.
Analyse: Lokation extern, hohe Stabilität, geringe Kontrollierbarkeit
Emotion: Wut

Meine Arbeitshaltung war nicht in Ordnung.“
Analyse: Lokation intern, variable Stabilität, hohe Kontrollierbarkeit
Emotion: Arbeitseifer

Meine Fähigkeiten reichen für den Job nicht aus.
Analyse: Lokation intern, hohe Stabilität, geringe Kontrollierbarkeit
Emotion: Verzweiflung

Egal! Ich habe ohnehin schon innerlich gekündigt!
Analyse: Lokation extern, variable Stabilität, geringe Kontrollierbarkeit
Emotion: Keine

Diese differenzierte Betrachtung von Emotionen und der Beurteilung von Ereignissen, bzw. Reizen gefällt mir deshalb sehr gut, weil es einem dabei hilft, Emotionen besser analysieren zu können – unabhängig davon, ob es die eigenen oder die anderer Menschen sind. Wieder einmal zeigt es sich, dass die Welt bei weitem nicht so einfach ist, wie sie manchmal scheint: Emotionen sind also weit mehr als nur ein anderes Wort für Gefühle 😉

Zum Abschluss ein sehr sehenswerter Kurzfilm von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer über Emotionen als Lernturbo. Viel Spaß damit!

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