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Stell Dir vor, Dir gibt jemand 1 Euro, damit Du eine Lüge äußerst. Ein Freund bekommt für die selbe Lüge 20 Euro. Was würdest Du sagen, wenn Dir jemand versichert, dass es recht wahrscheinlich ist, dass Du die Lüge in Kürze für wahr halten wirst und das damit zusammenhängt, dass Du – im Gegensatz zu dem Freund – nur einen Euro für die Äußerung bekommen hast? Nun, es ist tatsächlich so und dieses Experiment wurde von Leon Festinger und seinen Kollegen am MIT Mitte des letzten Jahrhunders durchgeführt. Sie zahlten einigen Probanden zwanzig und anderen nur einen Dollar dafür, dass sie logen. Diejenigen, die für nur einen Dollar gelogen hatten, behaupteten viel häufiger, dass sie den Inhalt der Lüge für wahr gehalten haben, als diejenigen, die 20 Dollar bekamen.

Warum sollte das so sein?

Festinger stellte die Hypothese auf, dass ein intelligenter und guter Mensch ja nicht ohne Grund lügt. Allerdings ist der Grund, 1 Dollar erhalten zu haben 20-mal schlechter als der, 20 Dollar dafür bekommen zu haben. Was bin ich also bloß für ein Mensch, wenn ich für nur einen Dollar gelogen habe? Was hab ich da gemacht? Die Lösung: Es war einfach keine Lüge! In der psychologischen Fachsprache spricht man in diesem Zusammenhang von der kognitiven Dissonanz, und genau um diese geht es heute in diesem Artikel.

Wer war Leon Festinger?

Leon Festinger war ein US-amerikanischer Sozialpsychologie, der am 8. Mai 1919 geboren und von dem berühmten Psychologen Kurt Lewin gefördert wurde. Festinger gilt als Entdecker der kognitiven Dissonanz und startete diese „Karriere“ im Alter von 31 Jahren als Undercover-Agent einer UFO-Sekte aus dem Mittleren Westen der USA. Klingt ganz schön abenteuerlich, oder?


Ein Schutzengel Sananda vom Planten Clarion

In Salt Lake Citiy, Minneapolis, lebten in den 1950er Jahren eine Dame namens Marian Keech und ein Herr Namens Dr. Armstrong. Eines Tages erreichte Frau Keech ein Brief von einem Schutzengel namens Sananda vom Planten Clarion in Form einer „starken Vibration“: Frau Keech schrieb die Nachricht mit zittriger Hand auf einen Zettel – Der Schutzengel sprach durch sie und verkündete, dass die Erde vernichtet werden würde. Eine große Flutwelle und weitere Naturkatastrophen würden zum Weltuntergang führen. Einige Auserwählte aber würden am 21. Dezember von einem UFO abgeholt und dadurch gerettet werden!

Die meisten Menschen, die das hier lesen, werden nun die Stirn runzeln, denke ich. In Minneapolis haben das damals auch sehr viele gemacht; manche aber nicht und diese Leute schlossen sich Frau Keech an.

So kam es, dass Dr. Armstrong in seinem Wartezimmer predigte und seinen Job verlor, andere Menschen ihre Häuser verkauften und zu Frau Keech zogen und wieder andere sich sogar mit ihren Familien zerstritten. Alle Sektenmitglieder bereiteten sich gründlich auf die Abholung durch das UFO am 21. Dezember vor – aber man operierte nicht im Licht der Öffentlichkeit. Nur einmal, wenige Wochen vor dem besagten 21. Dezember, gab die Sekte eine Pressenotiz an eine Presseagentur und berichtete in dieser Notiz von dem bevorstehenden Untergang des Planeten Erde.

Der damals 31 jährige Psychologe Leon Festinger erfuhr von dieser Sekte und fragte sich, was denn wohl passieren würde, wenn am 21. Dezember weder die Welt untergehen, noch ein UFO im Garten von Frau Keech landen würde. Er selbst und sein Kollege Stanley Schachter gaben sich als Gläubige aus, arbeiteten fortan „undercover“ und konnten die Sekte dadurch auch von innen beobachten.

Der 21. Dezember

Die Tatsache, dass Du diesen Text gerade liest, ist ein guter Beweis dafür, dass die Welt in den 1950er Jahren nicht untergegangen ist 😉

Im Garten von Frau Keech waren zwar viele Lichter in dieser Nacht zu sehen, aber sie wurden von Kamera-Teams und Fotografen erzeugt; ein UFO landete dort nicht. Natürlich nicht! Aber wie geht diese Story wohl weiter? Geh doch einmal die verschiedenen Möglichkeiten durch, bevor Du hier weiterliest.

Es passierte etwas sehr interessantes: Niemand, aber auch wirklich niemand hat sich lächerlich gemacht! Natürlich war es so, dass diese kleine Gruppe durch Ihre Gläubigkeit und ihren Zusammenhalt dafür gesorgt hatte, dass die fernen Götter den Planten Erde verschonten. Deshalb musste ja auch kein UFO kommen, um die Gläubigen abzuholen… Ist doch logisch…

Die Sekte ging nun aktiv auf die Öffentlichkeit zu, gaben Interviews und Frau Keech rief ABC, CBS und die New York Times an, um von dem Erfolg zu erzählen – eine Kehrtwendung um 180 Grad – Und der Psychologe Festinger staunte Bauklötze.

2 x 3 macht 4 Widdewiddewitt und Drei macht Neune! Ich mach‘ mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt ….

Wer kennt diese Zeilen nicht? Etwas ganz ähnliches wird Leon Festinger wohl gedacht haben, als er die Reaktion der Sektenmitglieder erlebte, und er fing an, darüber nachzudenken. Ein Teil des Ergebnisses dieses Nachdenkens kann man heute in seinem 1957 erschienenem Buch „A Theory of Cognitive Dissonance“ nachlesen.

Was genau ist eine kognitive Dissonanz?

Vereinfacht ausgedrückt entsteht eine kognitive Dissonanz dann, wenn das Verhalten eines Menschen nicht zu seiner Einstellung passt.

Beispiel: Du kaufst Dir ein paar neue Schuhe, obwohl Du dafür eigentlich kein Geld hast oder es sparen wolltest. Peng, jetzt ist’s passiert. „Was hab ich da gemacht?„, wirst Du Dich in dieser Situation vielleicht fragen. Die kognitive Dissonanz ist  jedenfalls da, es fühlt sich nicht gerade gut an, und es gibt nur wenige Möglichkeiten, um dieses unangenehme Gefühl zu eliminieren. Was kann jetzt alles passieren?

1) Das Gefühl wird unterdrückt (geschieht leider häufig mit Alkohol)
2) Das Verhalten wird verändert (zum Beispiel Umtausch der Schuhe)
3) Die Einstellung wird verändert (Sparen? Na klar, aber erst im nächsten Jahr)
4) Die Verantwort wird abgeschoben (Ich musste ja so handeln, weil ….)

Die Entstehung kognitiver Dissonanzen

Gehen wir einmal weg von den Beispielen und betrachten die kognitive Dissonanz auf einer analytischen Ebene. Wie entsteht sie und was sind die Voraussetzungen dafür?

1: Verhalten und Einstellung werden als widersprüchlich empfunden
2: Das Verhalten geschah freiwillig
3: Eine physiologische Erregung tritt ein
4: Das Verhalten wird für die Erregung verantwortlich gemacht

Kennst Du solche Situationen? Man bewirbt sich auf eine Stelle, weil man sehr gerne bei genau diesem Unternehmen arbeiten möchte. Nach dem Lesen der Absage entsteht ein unschönes Gefühl. Die Einstellung und die Geschehnisse passen eben nicht gut zueinander. Ein möglicher Lösungsweg: „So toll war die Firma nun auch wieder nicht!“ Ein anderer Lösungsweg: „Da hätte uns der Bewerbungstrainer vielleicht etwas besser vorbereiten sollen!“ …

Ich hoffe, es ist klar geworden, was es mit der kognitiven Dissonanz auf sich hat und weshalb diese Theorie unheimlich interessant ist; gerade wenn man das eigene oder fremdes Verhalten reflektieren möchte.

Zum Abschluss des Artikels: Ein Problem namens „self-handicapping“

Ein weiterer Weg mit kognitiven Dissonanzen umzugehen ist die Vorbeugung. Manchmal ist ja schon vorhersehbar, dass Verhalten und Einstellung in der Zukunft nicht zueinander passen werden – zum Beispiel dann, wenn man fürchtet, bei einer bevorstehenden und wichtigen Prüfung durchzufallen. Das gleiche gilt, wenn man vorhat, sich einen neuen Pullover zu kaufen, obwohl man weiß, dass man dafür eigentlich kein Geld ausgeben möchte. Alles sieht danach aus, als würden in Kürze eine Disharmonie im eigenen Kopf und doofe Gefühle entstehen…

Dieser Disharmonie (aber nicht dem eigentlichen Problem!) kann man mit Hilfe des self-handicappings vorbeugen. Das geht so: man fängt schon vorher an, Gründe dafür zu sammeln, die später als Rechtfertigung – vor allem vor sich selbst – dienen können. Sich selbst aber etwas vorzumachen ist nicht ganz einfach und man muss sich schon etwas einfallen lassen, damit die Gründe möglichst echt und glaubwürdig sind…

Man könnte der kognitiven Dissonanz nach einer bevorstehenden Prüfung bereits vor der Prüfung dadurch vorbeugen, indem man in der Nacht vor der Prüfung nicht schläft sondern eine Party feiert. Zeitsprung in die Zukunft: Durchgefallen? Na ja, man war halt wegen der Party nicht gut drauf und die Prüfung war ja auch nicht so wahnsinnig wichtig, sonst hätte man ja auch nicht die Party gefeiert! Man ist ja nicht doof!

Also ist alles im grünen Bereich – zumindest was die Balance im eigenen Kopf anbelangt. Die selbsterfüllende Prophezeihung kann sich allerdings beim self-handicapping durchaus als Problem herausstellen, denn vielleicht wäre das Ergebnis eines Ereignisses ein anderes, wenn man sich nicht zugunsten der Dissonanz-Vermeidung selbst ein Bein stellen gestellt hätte. 🙂

Weiterführende Literatur zu diesem Thema findet Ihr hier.

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