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Bevor Du diesen Artikel liest, wäre es toll, wenn Du bei der Umfrage mitmachen würdest. Was es damit auf sich hat, wird im weiteren Verlauf erklärt. Bei dieser Umfrage geht es um folgende Fragestellung:

Stell Dir vor, eine Gesellschaft bereitet sich auf den Ausbruch einer Epidemie vor, bei der 600 Menschen sterben könnten. Es wurden zwei Forschungsprogramme aufgelegt, um die Katastrophe zu verhindern. Nun ist es leider so, dass nur eines der beiden Forschungsprogramme weitergeführt werden kann und Du musst  entscheiden welches der beiden.

Wir Menschen fällen Tag für Tag mal wichtige mal weniger wichtige Entscheidungen. Einige behauptet von sich, reine Überzeugungstäter zu sein und aus dem Bauch heraus zu entscheiden; andere halten sich für ultimative Rationalisten, die Entscheidungen auf Basis von Entscheidungstabellen fällen. Gerade die Rationalisten gehen davon aus, dass sie Wahrscheinlichkeiten sehr gut einschätzen,  wichtige Informationen von unwichtigen unterscheiden können und sie in ihrem analytischen Denken zudem recht frei sind.

Interessanter Weise ist das aber so eine Sache mit der rationalen Entscheidung, denn rationale Entscheidungen setzen in der Tat mathematisch-statistische Überlegungen voraus, damit das Individuum nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung entscheiden kann. Welches Smartphone kaufe ich mir? Wie viel lerne ich für die nächste Klausur? Was muss mir ein anderer Betrieb bieten, damit ich die Arbeitsstelle kündige und wechsle? Wie viel muss ich verdienen, damit ich motiviert arbeiten kann? Gemeint ist also eine Nutzenmaximierung im Sinne guter Gefühle bzw. Vermeidung schlechter Gefühle oder im Sinne von guten Preis-Leistungsverhältnissen. Aber wie ist das mit dem Denken? Ist dieses manchmal womöglich gar nicht so klar und analytisch, wie wir es annehmen? Ein paar Überlegungen dazu in diesem Artikel …

Nehmen wir zum Beispiel das Thema Gehalt. Man könnte annehmen, dass es einen Betrag gibt, der Dich extrem motivieren würde und für sehr gute Gefühle sorgen könnte – sagen wir 25.000 EUR pro Monat netto? Gut. Stell Dir also vor, Dein Arbeitgeber zahlt Dir ab morgen 25.000 EUR pro Monat. Vielleicht musst Du jetzt lächeln? Ein gutes Gefühl stellt sich ein? Und nun stell Dir vor, alle anderen bekommen 50.000 EUR pro Monat 😉

Ein anderes Beispiel: Stell Dir vor, Du findest 10 EUR auf der Straße. Ein gutes Gefühl, oder? Das heißt, 10 EUR zu finden ist eine tolle Sache. Jetzt stell Dir vor, Du findest 100 EUR. Noch besser, denkst Du vielleicht. Und jetzt stell Dir vor, Du findest 110 EUR – hm, das ist jetzt nicht mehr sooo cool wie bei den ersten 10 EUR. Das zeigt, dass 10 EUR nicht immer wirken wie 10 EUR – es hängt von einem Referenz- oder Bezugspunkt ab. Das gleiche passiert auch bei dem ersten Beispiel, dem Gedankenspiel. Im ersten Fall, gingst Du davon aus, dass alle anderen Menschen ein ganz normales Gehalt (Dein Referenzpunkt in dem Moment) bekommen und dass ein Gehalt von 25.000 EUR weit davon entfernt ist, ein „normales“ Gehalt zu sein. Wenn aber alle anderen 50.000 EUR pro Monat verdienen, dann sind Deine 25.000 auch nicht mehr normal, allerdings wirst Du stark benachteiligt.

Wenn wir über Nutzenmaximierung nachdenken, dann müssen nicht nur Beträge beurteilt, sondern auch Wahrscheinlichkeiten geschätzt werden. Darin sind wir Menschen nicht besonders gut, obwohl wir  Unmögliches und Sicherheiten ganz gut erkennen können. Aber wir neigen dazu, niedrige Wahrscheinlichkeiten zu überschätzen und  hohe Wahrscheinlichkeiten zu unterschätzen. Noch ein Beispiel: Wie wahrscheinlich ist es, dass am kommenden Samstag die Lottozahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6 gezogen werden? Wäre die Zahlenfolge 7, 15, 28, 34, 39, 42 nicht wahrscheinlicher? Je nachdem, wie bewandert Du in der Stochastik bist, wirst Du wissen, dass die Wahrscheinlichkeit in beiden Fällen gleich gering ist – aber wenn die erste Zahlenfolge am Samstag gezogen würde, wärst Du wahrscheinlich doch etwas erstaunter, als bei Ziehung der zweiten Zahlenfolge, oder?

Ein weiterer Aspekt ist das sogenannte Framing, also die Rahmung der Entscheidung. Bei der Umfrage weiter oben in diesem Artikel ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass Du Dich für das Programm A entschieden hast!

Wie würdest Du aber zwischen diesen beiden Programmen entscheiden:

Programm A: Bei Anwendung des Programms A werden 400 Menschen sterben.

Programm B: Bei Anwendung des Programms B gibt es eine Wahrscheinlichkeit von 1/3, dass niemand sterben wird, und eine Wahrscheinlichkeit von 2/3, dass 600 Personen sterben werden.

Entscheidest Du dich diesmal für das Programm B? Auch das wäre nicht weiter verwunderlich. Beachte bitte, dass bei allen vier Alternativen es statistisch gesehen so ist, dass 200 Personen überleben und 400 sterben werden. Die Formulierungen sind halt jeweils andere, das heißt die Rahmung der Entscheidung, das Framing, verändert sich: mal wird es positiv formuliert („200 Personen werden gerettet“), mal negativ („400 Personen werden sterben“). Bei 600 Personen, um die es in diesem Gedankenspiel geht, läuft beides auf dasselbe hinaus. Mehr zum Thema Denkrahmen findest Du auch hier (Grenzen im eigenen Kopf).

Fazit: In unseren Entscheidungen ist unter Umständen weit mehr „Gefühltes“ enthalten, als wir annehmen. Und dieses Gefühlte kann dann auch noch falsch sein – das mit den rationalen Entscheidungen bleibt also so eine Sache 😉

Nachtrag zur Umfrage: Epidemie-Frage haben Kahneman und Tversky 1981 ihren Probanden gestellt. 72% entschieden sich für das Programm A, wenn es darum ging, mit diesem Programm 200 Personen zu retten. Wenn mit dem Programm A gemeint war, dass 400 Personen sterben, entschieden sich 78% der Versuchspersonen für das Programm B.

Das Voting der Umfrage in diesem Artikel ist von allen einsehbar, seien wir also gespannt darauf, ob es sich in Richtung der 72% für das Programm A bewegen wird 🙂

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